«Das ist viel», sagt Gevers, «aber nichts im Vergleich zu den Kreditkartenfirmen.» Die Visa-Karte allein verarbeitet jede Sekunde 56’000 Transaktionen. In weniger als vier Sekunden gleich viel wie die Bitcoin-Gemeinschaft an einem Tag. Gevers hat es deshalb zu seiner Mission gemacht, digitales Geld in die breite Masse zu tragen. Der Nachkomme von Missionaren denkt an die 2,5 Milliarden Afrikaner, Asiaten und Südamerikaner, die ohne Bankkonto leben. Er ist überzeugt: «Ein dezentrales Finanzsystem wird die Welt reicher und freier machen.» Die Geldrevolution, der zweite Versuch zur Befreiung des Planeten, heckt Gevers also nicht mehr im honduranischen Dschungel aus, sondern am Zugersee. Und seine Firma Monetas – angeblich die fortschrittlichste Transaktionsplattform der Welt – kommt allmählich in Fahrt. Im Frühling schossen Investoren sechs Millionen Franken ein. Kürzlich wurde der erste Deal mit einer afrikanischen Post unterschrieben; in welchem Land wollte Gevers nicht verraten. Aber ab Ende Oktober würden Millionen von Afrikanern dank der Monetas-Banking-App Geld hin- und herschieben können. Transaktionsgebühren würden auf einem Tausendstelrappen gedrückt. Ein Bruchteil davon, was Banken verlangen. Den Standort Zug hat Johann Gevers bewusst ausgesucht. Natürlich auch wegen der tiefen Steuern, sagt Gevers, doch das seien sie in Singapur, Hongkong oder Dubai auch. «Das Gesamtpaket zählte», sagt er und meint: ein dezentrales, freiheitliches, stabiles politisches System, gute Infrastruktur, Kontakt zu den Finanzregulatoren und ein wachsendes Geflecht von Firmen, die sich mit Digitalwährungen beschäftigen. Tatsächlich ist Monetas nicht die erste Bitcoinfirma, die sich in Zug angesiedelt hat. Mittlerweile sind es ein gutes Dutzend. So viele, dass Zug den Übernamen Crypto Valley erhalten hat. Eine Anlehnung an das kalifornische Silicon Valley und an die Verschlüsselungsverfahren von Digitalwährungen. Am anderen Ende der Baarerstrasse, dort, wo sie zur Zugerstrasse wird, sitzt etwa die Bitcoin Suisse AG. In den Büroräumen surren ununterbrochen Computerlaufwerke, im Badezimmer steht ein Becher mit gebrauchten Zahnbürsten. Hier werden Nachtschichten geschoben. Der Gründer von Bitcoin Suisse heisst Niklas Nikolajsen. Der 39-Jährige mit Schnurrbart und Rossschwanz stolperte vor vier Jahren an einem kalten Herbstabend beim Internet-Surfen über ein Dokument; sechs Seiten, die sein Leben veränderten, verfasst von Satoshi Nakamoto, dem Erfinder der Digitalwährung Bitcoin. Bis heute ist ungeklärt, ob hinter dem Namen ein Mensch, eine Forschergruppe oder ein Finanzinstitut in Selbstmordmission steckt. Mit Bitcoins zum Zahnarzt Der Titel des Pamphlets: «Bitcoin: Das selbst regulierende elektronische Finanzsystem». Es lässt das Blut jedes Bankmanagers gefrieren – und dasjenige jedes Softwareentwicklers, wie Nikolajsen einer ist, in Wallung geraten. Denn der Text bietet die Grundlage für eine revolutionäre digitale Bezahlmethode, die es ermöglicht, sein Gegenüber direkt zu bezahlen und nicht via Bank. Gebühren fallen weg. So wie beim Bargeld. Die Technologie dahinter ist genial. Bitcoin trägt jede Transaktion in eine öffentliche Liste ein. Identische Versionen dieser Liste – in der Fachsprache Blockchain genannt – sind auf Tausenden Computern weltweit verteilt. Wenn jemand in Zug die Behandlung beim Zahnarzt mit Bitcoins bezahlen will – tatsächlich akzeptiert die Praxis Abbas Hussain an der Bahnhofstrasse als schweizweit erster Zahnarzt Bitcoins –, dann geschieht Folgendes: Per Smartphone-App meldet der Gast der Blockchain, dass er ein Bitcoin überwiesen hat. Umgerechnet 230 Franken. Der erste Computer trägt die Transaktion in die öffentliche Liste ein. Weltweit wird die Überweisung in allen Listen gegengecheckt. Erst wenn sich über die Hälfte der Computer über den neuen Listenzustand einig ist, wird die Transaktion endgültig genehmigt. In dieser schicksalhaften Herbstnacht schauderte Nikolajsen nach dem Lesen des sechsseitigen Dokuments vor Aufregung: «Das verändert alles!», glaubte er. Der Däne kündete seinen Job, löste den Wohnungsmietvertrag auf und kaufte sich ein Einwegticket nach Zürich. Warum die Schweiz? «Ich wollte in die Nähe des Kapitals», sagt er. Das grosse Geld verdient Nikolajsens Firma mit Beratung, Wechselgeschäften von Bitcoin in Franken und mit Börsengeschäften. Die grossen Kursfluktuationen von Bitcoin sind vorbei. Das macht die Digitalwährung für vermögende Menschen interessant, gerade in Zeiten von Negativzinsen in der Schweiz. San Francisco liegt in der Innerschweiz An einem Ende der Zuger Baarerstrasse sitzt also der Südafrikaner Johann Gevers, der bis Mitte nächsten Jahres 500 Millionen Afrikanern Zugang zum Finanzsystem ermöglichen will. Und am anderen Ende der Strasse der Däne Nikolajsen, der sich um die Transaktionen und Investitionen der Reichen kümmert. Wer zu Fuss die wenigen Kilometer geht, die diese beiden Firmen trennen, wähnt sich in einem Vorort von San Francisco. Die schnurgerade Strasse könnte auch in Palo Alto liegen, dem Standort des Technologieriesen Apple. Das obligate Starbucks ist da, mit Gästen, die rund um die Uhr vor ihren Laptop-Bildschirmen sitzen. Auf der Strasse hört man telefonierende Passanten auf Englisch über Investments reden. Und im Pier 41, einer Bar gleich neben dem Bahnhof, werden Löhne von Software-Programmierern verglichen. Künftig könnten sich die Ähnlichkeiten zum Silicon Valley noch verstärken: Gevers und Nikolajsen sind Pioniere. In der Baarerstrasse siedeln sich immer mehr Bitcoin-Firmen an. Die grösste ist Xapo. Seit diesem Frühling in Zug ansässig. Die US-Firma hat 41 Millionen US-Dollar von Investoren erhalten, um ein Bitcoin-Portemonnaie zu entwickeln. Unter den Geldgebern ist zum Beispiel Max Levchin, Mitgründer von Paypal. «Wir vergleichen Bitcoin mit Gold», sagt Ted Rodgers, Xapo-Präsident, «von jeglicher Politik losgelöst und trotzdem Teil der globalen Gesamtgeldpolitik.» Rodgers ist ehemaliger NFL-Footballer, mit den Washington Red Skins gewann er 1992 gar die Meisterschaft, die Superbowl. Sein Goldvergleich macht Sinn. Die Währung Bitcoin ist auf maximal 21 Millionen Digitalmünzen beschränkt. Der Code jedes Bitcoins wird von Computern in immer aufwendiger werdenden Rechenverfahren generiert. Das letzte Bitcoin wird voraussichtlich im Jahr 2140 hergestellt.