Zwei weitere Bedingungen betreffen die Beschaffenheit des Tiefpunkts selbst. Die erste war die Frage, ob die für eine Bodenbildung typischen Signale bereits ausreichend ausgeprägt waren. Unser von Filippo Franchini entwickeltes Bodenbildungsmodell sammelt Signale über die gesamte Dauer eines Bärenmarkts hinweg, statt auf ein einmaliges Kapitulationsereignis zu warten.
Die zunehmende Institutionalisierung des Bitcoin-Markts hat die Dynamik früherer Zyklen verändert. Die konzentrierten Kapitulationsphasen, die in der Vergangenheit viele Signale gleichzeitig auslösten, sind heute weniger wahrscheinlich. Aktuell erreicht das Modell 89 Prozent aller verfügbaren Bodenbildungssignale, verglichen mit 78 Prozent am geschätzten Tiefpunkt im Juli. Dennoch handelt es sich nicht um ein Timing-Modell. Phasen der Bodenbildung können sich über Monate hinweg entwickeln, bevor sich ein neuer Trend eindeutig etabliert.
Die zweite offene Frage betraf die Tiefe des Rückgangs. Im Vergleich zu früheren Zyklen erschien die Korrektur vielen Marktteilnehmern zu moderat, um einen zyklischen Tiefpunkt zu markieren. Während frühere Bärenmärkte Rückgänge von rund 80 Prozent verzeichneten, fiel dieser Abschwung deutlich flacher und kürzer aus.
Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der veränderten Marktstruktur. Ein immer grösserer Anteil des Bitcoin-Angebots wird heute über institutionelle Anlagevehikel und Unternehmensbilanzen gehalten, während die Rolle der Miner für die Preisfindung kontinuierlich abgenommen hat. Dadurch befindet sich weniger frei handelbares Angebot in den Händen von Marktteilnehmern, die bei fallenden Kursen zum Verkauf gezwungen sind. Aus unserer Sicht ist die vergleichsweise milde Korrektur deshalb eines der deutlichsten Merkmale eines reiferen Marktzyklus.
Gemessen am langfristigen Trend von Bitcoin und nicht allein am Abstand zum Allzeithoch zählt die jüngste Bereinigung dennoch zu den tiefgreifendsten, die wir bislang beobachtet haben.
Auch der bekannte Vierjahreszyklus deutet auf eine mögliche Bodenbildung im Oktober hin, wobei er eher ein Zeitfenster als einen konkreten Zeitpunkt beschreibt. Sobald jedoch eine grosse Zahl von Investoren dieselben Signale beobachtet und darauf wartet, verliert ein Indikator häufig an Prognosekraft. Viele Anleger bleiben weiterhin unterinvestiert, weil sie auf genau den Tiefpunkt warten, den der Zyklus nahelegt. Aus unserer Sicht könnte dies einer der Gründe sein, weshalb der etablierte Vierjahreszyklus diesmal erstmals nicht wie erwartet verläuft.