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Hat Bitcoin den Bärenmarkt hinter sich gelassen? Sieben von acht Bedingungen sprechen dafür

Dominic WeibelHead of Research, Bitcoin Suisse
22 Sep. 20267 Min

Der 10. Oktober 2025 markierte den Beginn des jüngsten Bitcoin-Bärenmarkts, als der Markt wichtige Unterstützungsniveaus nach unten durchbrach. Im August erlebten wir eine vergleichbare Liquidationswelle in die entgegengesetzte Richtung: Zwischen dem 19. und 28. August wurden Short-Positionen im Umfang von knapp 20'000 BTC beziehungsweise rund 1,5 Milliarden US-Dollar liquidiert.

Die Parallelen sind bemerkenswert. Aus unserer Sicht könnten diese Liquidationsschocks die beiden Endpunkte des Krypto-Bärenmarkts markieren. Dennoch bleibt eine Liquidation zunächst ein Ereignis und kein Beleg für einen nachhaltigen Trendwechsel. In unserem Industry Rollup vom September haben wir die acht Faktoren untersucht, die den Bärenmarkt geprägt und aufrechterhalten haben, und analysiert, welche davon weiterhin bestehen. Sieben dieser Bedingungen gelten inzwischen nicht mehr.

Die Nachfrage nach Bitcoin kehrt zurück

Zwei der acht Bedingungen betreffen die Nachfrage, und die erste ist vergleichsweise einfach zu erklären. Während ein Grossteil des Jahres von fehlenden makroökonomischen Impulsen geprägt war und es kaum Gründe für eine Neubewertung riskanter Anlagen gab, änderte sich dies am 19. August. Das US-Finanzministerium kündigte an, seine Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen mindestens zu verdoppeln. Die Renditen am langen Ende der Zinskurve fielen deutlich, Sachwerte gewannen an Attraktivität, und das Knappheitsnarrativ rückte wieder in den Fokus.

Mit diesem Stimmungsumschwung kehrten auch die Kapitalzuflüsse zurück, womit die zweite Bedingung erfüllt wurde. Das erste Halbjahr 2026 markierte die erste negative Halbjahresbilanz der US-amerikanischen Spot-Bitcoin-ETFs seit deren Einführung. Im Juli beliefen sich die Nettozuflüsse lediglich auf 240 Millionen US-Dollar, bevor sie im August auf 3,7 Milliarden US-Dollar anstiegen.

Mit den Zuflüssen drehte auch eine dritte Bedingung. Während des Abschwungs verstärkten Bitcoin-Liquidationen nahezu jede Abwärtsbewegung. Im August wirkte derselbe Mechanismus erstmals wieder in die entgegengesetzte Richtung und beschleunigte die Aufwärtsbewegung zusätzlich, nachdem der makroökonomische Impuls den ersten Anstoss gegeben hatte.

Die Rückeroberung der Kostenbasis ist die erste Bewährungsprobe

Die Erholung musste sich zunächst durch Preisniveaus arbeiten, auf denen frühere Käufer noch auf Verlusten sassen. Während des Abschwungs notierte Bitcoin unter der Kostenbasis seiner wichtigsten Käufergruppen, der vierten der acht Bedingungen. Inzwischen wurde die bedeutendste dieser Marken jedoch zurückerobert.

Besonders relevant ist die Kostenbasis der kurzfristigen Halter, also der durchschnittliche Einstandspreis von Bitcoin, die seit weniger als fünf Monaten gehalten werden. Über die vergangenen zehn Jahre hat sich diese Kennzahl als einer der verlässlichsten Indikatoren für den mittelfristigen Trend erwiesen. Mit dem Wiederanstieg über diese Marke, die zuletzt bei rund 71'000 US-Dollar lag, kehrten viele jüngere Marktteilnehmer zurück in die Gewinnzone.

Historisch gesehen stellte die Rückeroberung dieser Kostenbasis nach einem Bärenmarkt häufig die erste wichtige Hürde auf dem Weg zu einer nachhaltigen Trendwende dar. Entsprechend sollte dieses Niveau nun als Unterstützung wirken.

Auch die fünfte Bedingung hat sich verändert. Über weite Strecken des Abschwungs überwog der Verkaufsdruck selbst dort, wo Nachfrage vorhanden war. Inzwischen trifft eine zunehmende Erschöpfung auf der Verkäuferseite auf zurückkehrende Spot-Nachfrage. Aus unserer Sicht müsste Bitcoin deutlich höher notieren, bevor erneut ausreichend Verkaufsbereitschaft entsteht, um den Markt spürbar zu belasten.

Wie sich das aktuelle Tief im historischen Vergleich einordnet

Zwei weitere Bedingungen betreffen die Beschaffenheit des Tiefpunkts selbst. Die erste war die Frage, ob die für eine Bodenbildung typischen Signale bereits ausreichend ausgeprägt waren. Unser von Filippo Franchini entwickeltes Bodenbildungsmodell sammelt Signale über die gesamte Dauer eines Bärenmarkts hinweg, statt auf ein einmaliges Kapitulationsereignis zu warten.

Die zunehmende Institutionalisierung des Bitcoin-Markts hat die Dynamik früherer Zyklen verändert. Die konzentrierten Kapitulationsphasen, die in der Vergangenheit viele Signale gleichzeitig auslösten, sind heute weniger wahrscheinlich. Aktuell erreicht das Modell 89 Prozent aller verfügbaren Bodenbildungssignale, verglichen mit 78 Prozent am geschätzten Tiefpunkt im Juli. Dennoch handelt es sich nicht um ein Timing-Modell. Phasen der Bodenbildung können sich über Monate hinweg entwickeln, bevor sich ein neuer Trend eindeutig etabliert.

Die zweite offene Frage betraf die Tiefe des Rückgangs. Im Vergleich zu früheren Zyklen erschien die Korrektur vielen Marktteilnehmern zu moderat, um einen zyklischen Tiefpunkt zu markieren. Während frühere Bärenmärkte Rückgänge von rund 80 Prozent verzeichneten, fiel dieser Abschwung deutlich flacher und kürzer aus.

Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der veränderten Marktstruktur. Ein immer grösserer Anteil des Bitcoin-Angebots wird heute über institutionelle Anlagevehikel und Unternehmensbilanzen gehalten, während die Rolle der Miner für die Preisfindung kontinuierlich abgenommen hat. Dadurch befindet sich weniger frei handelbares Angebot in den Händen von Marktteilnehmern, die bei fallenden Kursen zum Verkauf gezwungen sind. Aus unserer Sicht ist die vergleichsweise milde Korrektur deshalb eines der deutlichsten Merkmale eines reiferen Marktzyklus.

Gemessen am langfristigen Trend von Bitcoin und nicht allein am Abstand zum Allzeithoch zählt die jüngste Bereinigung dennoch zu den tiefgreifendsten, die wir bislang beobachtet haben.

Auch der bekannte Vierjahreszyklus deutet auf eine mögliche Bodenbildung im Oktober hin, wobei er eher ein Zeitfenster als einen konkreten Zeitpunkt beschreibt. Sobald jedoch eine grosse Zahl von Investoren dieselben Signale beobachtet und darauf wartet, verliert ein Indikator häufig an Prognosekraft. Viele Anleger bleiben weiterhin unterinvestiert, weil sie auf genau den Tiefpunkt warten, den der Zyklus nahelegt. Aus unserer Sicht könnte dies einer der Gründe sein, weshalb der etablierte Vierjahreszyklus diesmal erstmals nicht wie erwartet verläuft.

Die letzte Hürde zur Trendwende

Damit bleibt nur noch eine der acht Bedingungen bestehen: Die Trendwende ist noch nicht bestätigt.

Diese Bestätigung liegt derzeit oberhalb des Marktes. Zum Stichtag unseres Industry Rollups vom 2. September markiert die Kostenbasis kurzfristiger Halter bei rund 71'000 US-Dollar eine wichtige Unterstützungszone. Die Kostenbasis der ETF-Investoren bei rund 82'000 US-Dollar stellt aus unserer Sicht dagegen die letzte bedeutende Bastion der Bären dar. Die Zone zwischen 83'000 und 86'000 US-Dollar bildet den letzten relevanten Widerstandsbereich darüber.

Eine nachhaltige Rückeroberung dieser Preisregion wäre das letzte verbleibende Puzzleteil unserer Analyse. Gelingt dies, liesse sich ein strukturell bärisches Szenario nur noch schwer begründen. Welche Seite zuerst nachgibt, dürfte den nächsten übergeordneten Trend bestimmen.

Ein weiterer deutlicher Rücksetzer kann zwar nicht vollständig ausgeschlossen werden. Ein länger anhaltender Bärenmarkt stellt jedoch nicht mehr unser Basisszenario dar.

Der Weg dorthin könnte dennoch Zeit in Anspruch nehmen. Eine Bodenbildung und ein anschliessender Ausbruch sind zwei unterschiedliche Phasen des Marktzyklus. Hinzu kommt, dass der September historisch häufig von saisonaler Schwäche geprägt ist. In Zwischenwahljahren in den USA fiel auch der Oktober oftmals schwieriger aus, selbst wenn die Märkte diese Periode am Ende meist höher abschlossen.

Anleger sollten daher in den kommenden zwei Monaten mit erhöhter Volatilität rechnen, ohne jeden Rücksetzer automatisch als Hinweis auf neue Tiefststände zu interpretieren. Ein erneuter Test bereits erreichter Unterstützungsniveaus würde unsere Einschätzung einer vollzogenen Bodenbildung nicht infrage stellen. Ein Rückfall in die tiefere Akkumulationszone hingegen wäre ein deutliches Warnsignal.

Drei mögliche Szenarien für Bitcoin

Zwischen diesen Marken zeichnen sich drei mögliche Szenarien ab.

Unserer Einschätzung nach liegt das zyklische Tief mittlerweile hinter uns, auch wenn der weitere Weg volatil und zwischenzeitlich herausfordernd bleiben dürfte. Wie wir im Industry Rollup festhalten, wartet der Vierjahreszyklus noch immer auf Verkäufer, die möglicherweise gar nicht mehr in ausreichendem Umfang vorhanden sind.

Welcher dieser drei Pfade sich letztlich durchsetzt, wird massgeblich davon abhängen, ob Bitcoin die verbleibenden Widerstandsbereiche nachhaltig überwinden kann. Die Voraussetzungen für eine Bodenbildung sind heute deutlich stärker ausgeprägt als noch vor wenigen Monaten.

Das vollständige Industry Rollup für September beleuchtet diese Szenarien im Detail und analysiert darüber hinaus die Marktentwicklung des Monats, die wichtigsten makroökonomischen Indikatoren sowie die zentralen Entwicklungen im digitalen Asset-Ökosystem.

Das Titelbild ist AI-generiert.

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