Inflations- und Utility-Token. Ethereum kann mit folgenden Kennzahlen weiterhin glänzen: Die Plattform mit der höchsten Marktkapitalisierung hat auch die niedrigste Inflationsrate (unter 1 %), während die Inflation von einigen Wettbewerbern noch über der von Fiatwährungen im zweistelligen Bereich liegt. Aber ist Inflation überhaupt relevant? Bei einer reinen Währungsmünze wie Bitcoin ist eine ständig sinkende Inflation bereits integriert. Demgegenüber lässt sich nur schwer abwägen, welche Inflationsrate für eine Smart Contract-Chain angemessen ist.
Eine niedrige Inflation kann den Token-Preis (in Fiat-Sprache) langfristig in die Höhe treiben, was von Anlegern angestrebt wird. Hohe Inflationsraten weisen aber vielleicht nur auf die hohe Anzahl von erstellten Tokens hin, die Nutzer und Entwickler für eine kostengünstige Ausführung von Smart Contracts benötigen. Je weniger ein “Gas”-Token als Zahlungsmittel verwendet wird, desto besser eignet er sich für die Stromversorgung von Smart Contracts und umgekehrt (auch bekannt als Utility-Token). Interessant wird zu beobachten, wie sich die unterschiedlichen Interessen zwischen Entwicklern, Nutzern und Investoren langfristig auswirken werden – vor allem auf der Ethereum-Plattform, die die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen radikal verändern wird.
Die Innovation “Ultrasound Money”
Auf dem Weg hin zu Ethereum 2.0 beeinträchtigen zwei Entwicklungen das umlaufende ETH-Angebot. Die eine beruht auf der Umstellung auf Proof-of-Stake (PoS), während die andere Entwicklung bewusst zur Änderung der Gebührendynamik angestossen wurde.
Proof-of-Stake wird von Validatoren betrieben, die Token staken (ein wenig wie beim Poker), anstatt Energie für die Schaffung des nächsten Blocks und die Sicherung des Netzwerks aufzuwenden. Fast wie beim Pokern platzieren sie einen Einsatz und wenn sie verlieren (d. h. sich nicht an die Konsensregeln halten), werden sie durch Kürzung ihres Einsatzes bestraft (“slashed”). Wie gross werden die Auswirkungen sein? Aufgrund der verschiedenen Änderungen lässt sich die künftige Geldpolitik, auch bekannt als “Tokenomics”, für Ether ohne Modellierung nur schwer antizipieren.
Beim Proof-of-Stake findet kein Mining statt. Stattdessen koordinieren spezielle Knoten, sogenannte Validatoren, die Ausführung von Transaktionen und die Erstellung von Blöcken, indem sie eine Mindestmenge an Ether sperren. Sie können diesen Einsatz verlieren, wenn sie sich böswillig verhalten und den Prozess zur Erstellung von Blöcken zu ihrem Vorteil beeinflussen. Der Schutz besteht darin, dass ihr Staking-Einsatz zur Strafe reduziert wird (slashing), und nicht etwa darin, dass Energie in die Erstellung von Blöcken investiert wird.
Wie wirkt sich Staking wirtschaftlich auf das Angebot aus? Das umlaufende Angebot wird zwangsläufig um den gestakten Betrag reduziert.
Von Dezember 2020 bis November 2021 stieg der Betrag von gestaktem Ether für Proof-of-Stake auf der Beacon Chain von ETH 656’160 auf ETH 8’391’388 (+1’280 %), wodurch ca. 7 % des gesamten umlaufenden ETH-Angebots entzogen wurde.
Die Frage der Angebotsdynamik wird weiter durch die Tatsache verkompliziert, dass die Dynamik des (“Gas”)-Gebührenmarktes in Ethereum durch die Aktivierung von EIP-1559 in der Londoner Hardfork erheblich modifiziert wurde. Vor EIP-1559 war der Gebührenmarkt eine Auktion, bei der die Nutzer für die Integration ihrer Transaktionen durch Miner ein Gebot abgaben und sämtliche Gebühren an die Miner gingen. Mit der Änderung wurde ein neuer Mechanismus zur Berechnung der Gebühren pro Transaktion und Block mit folgender Besonderheit eingeführt. Die Transaktionsgebühren umfassen nunmehr zwei Komponenten: eine obligatorische Grundgebühr und ein optionales Trinkgeld für Miner. Während das Miner-Trinkgeld weiterhin dem Miner zugeht, wird die Grundgebühr verbrannt. Seit der Aktivierung wurde das Angebot mit diesem Verfahren um insgesamt ETH 1’087’615 durch Gebührenverbrennung reduziert, was von August bis November 2021 zu einer Verringerung der Nettoausgabe um ETH 507’000 (68 %) führte.
Kombiniert haben Staking und Gebührenverbrennung einen dämpfenden Effekt auf das ETH-Angebot. Einige glauben, dass Ethereum durch diese Änderungen auf eine deflationäre Geldpolitik zusteuert, die langfristig wirkungsvoller als die Inflationseindämmung von Bitcoin sei und letztlich “Ultrasound Money” hervorbringe.
Debatte
Die lange Geschichte von Exploits im vorwiegend auf Ethereum basierenden DeFi-Bereich und der Verlust von rund USD 1,5 Mrd. in den Jahren 2020 und 2021 ist ein Beleg dafür, dass der Kryptoraum technisch sehr anspruchsvoll ist. Web3-Entwickler sind bisher nur in begrenzter Zahl am Markt und die Anzahl der IT-Experten, die kryptografische Protokolle zuverlässig analysieren können, ist verschwindend gering.
In diesem Kontext strebt Ethereum eine grundlegende Umgestaltung an, die das System auf den Kopf stellen wird. Die mit der Trennung der Konsenskomponenten und ihrer Verteilung auf mehrere Chains einhergehende Komplexität und die verbundenen Risiken sind von erheblichem Umfang. Einige Aspekte, die Sie hierbei beachten sollten:
Komplexität. Die Migration auf Ethereum 2.0 ist ein komplexes Unterfangen mit mehreren beweglichen Komponenten, die sich gleichzeitig ändern und deren Auswirkungen relativ schwierig vorherzusehen sind: Zusammenführung zu PoS, Umgestaltung von Ethereum 1 zu einem Execution Shard, komplexe Gebührenmarktdynamik, Teilung in Execution und Multiple Data Shards usw. Prognosen zu den längerfristigen Auswirkungen der kryptoökonomische Dynamik sind auch mit Simulationennur schwer möglich.
Wirtschaftlichkeit. Eine Verknappung des ETH-Angebots durch Staking kann für Anleger von Vorteil sein, ist jedoch eventuell weniger gut für die (viel grössere Anzahl von) Personen, die Smart Contracts auf Ethereum entwickeln, betreiben und nutzen möchten, da die Kryptowährung im Vergleich zum USD und anderen Fiatwährungen deutlich teurer ist. Günstiges Benzin ist gut für Autofahrer, nicht aber für Investitionen in die Ölindustrie.
Der neue Gebührenmechanismus verstärkt diesen Trend. Die deutliche Angebotsverknappung hin zur “Ultrasound Money” ist ein zweischneidiges Schwert für eine Smart Contract-Plattform, die sich ehrgeizig als Weltcomputer anstatt als Weltwährung positionieren will.
Ethereum strebt seit jeher den Status eines “Weltcomputers” an, der Smart Contracts ausführt und dezentrale Anwendungen mit Strom versorgt. Wie die jüngsten Preisentwicklungen jedoch gezeigt haben, wird in Ether auch gerne einfach als “Währung” investiert, ohne sich um Entwickler und Smart Contract-Nutzer an sich zu kümmern. Die Interessen scheinen nicht vollständig im Einklang zu sein, und man wird sehen, wie die sich verändernde Dynamik 2022 und darüber hinaus bewähren wird.
Das Verbrennen von Gebühren, die Nutzer zuerst verdienen/kaufen mussten, während Validatoren neu geschaffenes Ether als Staking-Prämien erhalten, erinnert vage an den Cantillon-Effekt in Fiatgeldsystemen: Diejenigen, die dem Gelddrucker am nächsten sind, profitieren am meisten von neu geschöpften Münzen, während diejenigen am Ende des Geldweges mit dem Wertverlust zu kämpfen haben, der bei diesem Prozess durch den Markt realisiert wird. Wichtig wird dabei sein, die sich ändernde Geldpolitik von Ethereum 2.0 nachzuverfolgen, denn sie wird bewusst flexibel gehalten.
Wettbewerb. All diese Änderungen versprechen für Ethereum eine glänzende Zukunft. Nicht angegangen wird jedoch das grösste kurzfristige Problem, das dazu führt, dass Nutzer und Entwickler auf andere Plattformen wechseln, nämlich die hohen bis sehr hohen Transaktionsgebühren für die Ausführung von Smart Contracts für DeFi, NFTs und andere boomende Märkte. Ethereum ist dabei zwar auf dem rechten Weg, könnte aber den Wettlauf mit der Zeit verlieren.
Proof-of-Stake. Proof-of-Stake gilt im Mainstream als energiesparendster Mechanismus. Hinsichtlich der eher technischen Aspekte besteht jedoch Uneinigkeit darüber, ob Proof-of-Stake genauso sicher und unveränderlich ist wie Proof-of-Work.
Hierzu wurden verschiedene Kritikpunkte geäussert. Wir empfehlen Ihnen, für tiefergehende Informationen die genannten Quellen zu konsultieren. (1) Voskuil plädiert für die Einrichtung einer externen Sicherheitsquelle ausserhalb der Blockchain. Ansonsten wäre eine Überwindung der Zensur unmöglich, sobald ein Zensor die Mehrheit der Stakes erreicht hat, da er nicht mehr abgesetzt werden kann. (2) Im “Guide to PoS”” von BitMEX aus dem Jahr 2018 wird bereits auf das Problem “Nothing at Stake” und den weitreichenden Angriff auf den Konsens hingewiesen. “Nothing at stake” bedeutet, dass ein Staker im Falle von zwei gleichzeitigen Blöcken dieselben Token für das Staking auf beiden Blöcken verwenden kann. Das erhöht die Belohnungen, ohne dass ein zusätzliches Risiko auf Kosten der Konvergenz des Netzwerks zu einem einzigen nächsten Block eingegangen wird. Mit anderen Worten: Staker können ihre Meinung leicht ändern und verschiedene (Fork-)Chains unterstützen, während Miner beim PoW aufgrund des hohen Energieverbrauchs eine Entscheidung treffen und daran festhalten müssen. Zweitens ist der weitreichende Angriff auf den Konsens problematisch, da Angreifer einen “alten” privaten Schlüssel in Besitz nehmen könnten, der zuvor über eine grosse Anzahl von Tokens verfügte. Sie können die Historie dann auf einfache Weise zu ihren Gunsten umschreiben, da nicht durch eine “Energiewand” verhindert wird, dass sie die Hauptchain einholen. Um dieses Problem durch die Festlegung regelmässiger Kontrollpunkte zu lösen, müssen die Knoten rund um die Uhr online sein oder anderen Knoten vertrauen, um bei einem erneuten Online-Gehen synchronisiert werden zu können. (3) Nguyen hat Bedenken hinsichtlich der Widerstandsfähigkeit von Ethereum im Umgang mit Worst-Case-Szenarien und stellt eine Zusammenfassung der PoS-Kritikpunkte bereit, auf die wir hier nicht weiter eingehen können.
Einige Jahre nach der Proof-of-Stake-Debatte steht das abschliessende Urteil über die sicherheitsrelevanten Aspekte noch aus. In unseren Augen sind mehr Research und Debatten erforderlich, um zu einem klaren Verständnis, einer Analyse und einer Entscheidung zu gelangen. Die Krypto-Community muss sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass zwischen den beiden grössten genehmigungslosen Blockchain-Protokollen keine Einigung in einem so grundlegenden Punkt wie den Sicherheitsmodellen des zugrunde liegenden Konsensprotokolls besteht.
Conclusion
Ethereum verfolgt mit der grössten Transformation eines Blockchain-Projekts, die jemals auf den Weg gebracht wurde, ein sehr ehrgeiziges Ziel. Der Einsatz ist hoch (im wörtlichen Sinne), da Ethereum mit Abstand die umfassendste Smart Contract-Plattform im DeFi-Bereich ist, mit der grössten Anzahl an Nutzern, Entwicklern, Finanzierungen und Buy-ins. Die Umstellung auf PoS und die Trennung in dedizierte Chains/Shards ist zweifellos der ehrgeizigste Versuch, um Layer 1-Skalierbarkeit zu erreichen, und wird Ethereum im Erfolgsfall in eine höhere Liga katapultieren. Die schwindelerregende Komplexität und die von Experten geäusserten grundlegenden Bedenken werfen jedoch Zweifel an der Lebensfähigkeit des Megaprojekts auf.
Da hilft nur abwarten und beobachten. In zwölf Monaten sollten wir jedoch bereits ein viel klareres Bild davon haben, wie Ethereum sich entwickeln und welche Smart Contracts-Plattform für die Krypto-Community die erste Wahl sein wird.