Michael Gauckler ist Head of Product Development bei Bitcoin Suisse und hat einen Master in Engineering der ETH Zürich und einen Master in Finance der Universität Zürich.
1. Was sind die grössten technischen Herausforderungen für Interessierte, die sich an Blockchain-Netzwerken mit Proof-of-Stake beteiligen möchten?
Proof-of-Stake stellt eine Gefahr für Ihre Einsätze da, wenn Sie kein ehrlicher und zuverlässiger Validator im Blockchain-Netzwerk sind. Sich als ehrlicher Validator zu positionieren, ist einfach. Sie müssen lediglich nicht die Absicht verfolgen, Blockchains angreifen oder betrügen zu wollen. Als zuverlässiger Validator sind Sie jedoch mit verschiedenen technischen Herausforderungen konfrontiert: Sie müssen sich stets auf dem neuesten Stand halten, d. h. Sie müssen über die geeignete Validator-Software verfügen, präsent sein und eine sehr hohe Verfügbarkeit unter Beweis stellen. Zudem müssen Sie wissen, was zu tun ist, wenn Turbulenzen auftreten, d. h. Sie müssen schnell und korrekt bei Netzwerkinstabilitäten oder ähnlichen Ereignissen reagieren können. Die technische Betriebsdisziplin von Validatoren ist also eine Kombination aus dem Betrieb von Rechenzentren, tiefen Einblicken in die Technologie und soliden Beziehungen zur Community der Staking-Projekte.
2. Hat der Branchentrend von Proof-of-Work zu Proof-of-Stake-Blockchains nur Vorteile oder gibt es Gründe, die diesen Trend abbremsen könnten?
Der Trend zu Proof-of-Stake-Blockchains wird sich sicherlich fortsetzen und zur Entstehung einer Reihe von Blockchains mit geringfügig anderen Designs, Stärken und daraus resultierenden Anwendungsfällen führen. Diese reichen von Decentralized Finance über das Internet of Things bis hin zu anderen Anwendungen.
Dabei dürfte Bitcoin wahrscheinlich als einzige Ausnahme diesem Trend nicht folgen. Der wichtigste Grund dafür ist seine Stabilität, die sich aus der Einfachheit des Proof-of-Work-Algorithmus in Kombination mit einer Erfolgsbilanz von mehr als 13 Jahren ableiten lässt. Proof-of-Stake-Blockchains sind komplexer im Design, weshalb es schwieriger ist, ihre Stabilität unter extremen Bedingungen oder Randbedingungen wie einer starken Konzentration von Assets mit wenigen Inhabern zu beurteilen.
Ich gehe aber davon aus, dass sich dieser Trend insgesamt mit dieser einen Ausnahme fortsetzen wird.
3. Glauben Sie, dass Banken und traditionelle Finanzinstitute irgendwann ihre eigenen Staking-Dienste einrichten könnten? Was sind die jeweiligen Gründe dafür?
Ich gehe in jedem Fall davon aus, dass Banken und traditionelle Finanzinstitute letztendlich Staking-Dienste anbieten werden. Diese könnten sogar in andere eingebettet sein, so dass die Dienste für Kunden nahezu unsichtbar bleiben. Beispiele dafür könnten Geldkonten sein, die in einigen Ländern implizite Geldmärkte sind, d. h. zinstragende Konten. Im Hinblick auf Anreize ist es ein Geben und Nehmen: Personen, die eine Währung halten, sollten diese zur Absicherung des Netzwerks einsetzen. Als Anreiz dafür erhalten sie eine entsprechende Belohnung. Die Institute, die diese Blockchain-Systeme betreiben, erhalten eine Servicegebühr, die von der Belohnung abgezogen wird. In erster Linie geht es darum, diese Anreize in ein Gleichgewicht zu bringen. Die Protokolle und Institute, die das richtige Gleichgewicht finden, werden erfolgreich sein und weiter wachsen.
Während jedoch der Handel und die Verwahrung von Krypto-Vermögenswerten den Abläufen an traditionellen Märkten sehr ähnlich sind, sind Staking-Dienste mit neuen Herausforderungen verbunden. Die Assets werden gestakt und gesperrt (so dass sie für den Handel nicht verfügbar sind) und zwar je nach Protokoll über unterschiedliche Zeiträume. Belohnungen können in unterschiedlicher Höhe zugewiesen werden, wobei der korrekte Umgang mit Validatoren und gestakten Assets für die Maximierung der Belohnung unerlässlich ist.
Kurz gesagt: Dieses Niveau des Tech-Stacks für Krypto-Finanzdienstleistungen erfordert weitaus tiefergehendes technisches Know-how und durchdachtere Prozesse.
Die Entwicklung eines integrierten Tech-Stack, der Staking-Services beinhaltet, wirft auch die Frage der Verwahrung erneut auf. Bei den Staking-Diensten kann es sich sowohl um Verwahrungsdienste (private Schlüssel werden vom Serviceanbieter gehalten) als auch Nicht-Verwahrungsdienste (Schlüssel werden vom Nutzer/Kunden gehalten) handeln. Viele grosse Staking-Anbieter, insbesondere Kryptobörsen und Broker wie Bitcoin Suisse und Kraken, betreiben Verwahrungs-Staking-Dienste. Einerseits verbessert dieser Ansatz die Kundenerfahrung und entlastet die Kunden von technischen Problemen. Andererseits erfordert der Ansatz ein hohes Mass an Vertrauen in die Professionalität und das Know-how des Dienstleisters.
In diesem Sinne ist die Kombination von Verwahrung und Staking – zusammen mit vielen anderen entstehenden kryptonativen Finanzdienstleistungen – ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt im wachsenden Krypto-FinTech-Stack. Dieser Bereich sollte sich schnell weiterentwickeln, sobald neue Blockchain-Netzwerke mit Proof-of-Stake live gehen und die Nachfrage nach Staking-Diensten steigt.
Die Kombination aus hochsicheren Verwahrungsdiensten und Know-how für Krypto-Technologie ermöglicht es Instituten, das Potenzial von Staking für ihre Kunden auszutesten. Mit dem CodeFi-Staking-Service bietet ConsenSys ein massgeschneidertes Angebot speziell für grössere Unternehmen. Mehrere Banken, darunter einige mit Sitz in der Schweiz, haben Staking-Produkte für ihre Kunden eingeführt. Im aktuellen Niedrigzinsumfeld sind Krypto-Assets mit Renditen von 6, 10 oder sogar 13 % äusserst attraktiv.
Der vollständige(re) Krypto-Stack – Zukunftsaussichten
Seit den Tagen des Bitcoin Faucet haben sich die technische Infrastruktur und das Tooling für Krypto-Assets erheblich weiterentwickelt. Professionelle Verwahrstellen für die sichere Aufbewahrung, Multi-Börsen-Brokerage-Systeme für den Handel mit bester Ausführung und zunehmend einfach zu bedienende Einsätze – die Krypto-Finanztechnologie war noch nie so robust und vielfältig wie heute.
Folglich können immer mehr professionelle Investoren die Kryptowährungen als neue investierbare Anlageklasse betrachten. Dank solider technischer und professioneller Anbieter können börsengehandelte Produkte (ETPs) und börsengehandelte Fonds (ETFs) in Kürze aufgelegt werden. Einigen Berichten zufolge haben sich die Assets in solchen Produkten auf über USD 9 Mrd. verdreifacht.
In der globalen Landschaft werden Tools und Systeme zur Unterstützung von Krypto-Asset-Märkten zunehmend integrierter und benutzerfreundlicher. Privatkunden und Institutionen können nun über eine übersichtliche, einfach zu verwaltende Schnittstelle auf Prime Brokerage-Dienste zugreifen, Assets von einer sicheren Cold-Storage-Lösung aus steuern und sie sogar staken und Belohnungen dafür verdienen.
Das erneute Staking von Krypto-Assets, das Bonding und Unbonding per Mausklick und sogar die Tokenisierung von gesperrten Staking-Coins, um den Handel zu ermöglichen, sind alles Beispiele dafür, wie ein Full-Stack-Ansatz den Kunden zugutekommt und Krypto, zumindest was die Zugänglichkeit betrifft, auf das Niveau bekannterer Anlageklassen bringt.
Eine Verlangsamung der Kryptotechnologie ist jedoch nicht abzusehen. Die Explosion der Decentralized Finance (DeFi) mit einem gebundenen Gesamtwert (TVL) von mehr als USD 100 Mrd. hat viele weitere Möglichkeiten eröffnet. Davon sind die meisten, wie Yield Farming, Kreditvergabe und sogar dezentrale Zahlungen, von Natur aus kryptonativ und auf die Blockchain-Welt beschränkt. Dies stellt den Tech-Stack von Krypto-Finanzdienstleistern vor weitere Herausforderungen.
Um der nächsten Innovationswelle gerecht zu werden, müssen weitere Tools und Technologien entwickelt werden. Einige gibt es bereits, wie die beliebte Retail Wallet MetaMask, die kürzlich als Version für institutionelle Anleger aufgelegt wurde, um einen breiteren Zugriff auf DeFi und dezentrale Anwendungen (dApps) zu bieten. Andere wie das dezentrale Kreditvergabeprotokoll Aave haben Versionen speziell für Unternehmen auf ihrer Plattform angekündigt. Dadurch kann sich der Zugang zu dezentralen Finanzprotokollen und den darauf stattfindenden Aktivitäten verbessern. Diese Entwicklung kann aber auch dazu führen, dass DeFi in traditionellere Strukturen verpackt wird und die Dezentralisierung letztendlich in Frage gestellt ist.
Insgesamt wird der Innovationsfluss in der Krypto-Finanztechnologie so stark wie nie zuvor vorangetrieben, und der Tech-Stack wächst weiter, wobei einige Normen infrage gestellt werden, anderen aber Folge geleistet wird.
Für viele neue Anleger ist der Einstieg in Bitcoin und Kryptowährungen heute vielleicht ebenso einfach, wie es war, BTC aus dem Bitcoin Faucet zu erhalten – und das ist gut so. Diejenigen jedoch, die auf das ideale Nutzererlebnis oder institutionelle Dienste warten, könnten einige frühe Trends wie DeFi (oder was auch immer als nächstes kommt) verpassen, während der Tech-Stack aufholt.