Was sind dezentrale Börsen (DEX)?
26.07.2021 - 6 Minuten Lesedauer
Mit einem schnell wachsenden Markt und beeindruckenden Innovationen gehören dezentrale Börsen (DEX) zweifellos zu den interessantesten Bereichen der DeFi.
Woher kommen sie?
Seit die Blockchain-Technologie das erste Mal im Finanzsektor zum Einsatz kam, hat sie ermöglicht, viele traditionelle Finanzdienstleistungen auf neuer, dezentraler Weise zu überdenken. In den letzten Jahren gab es immer mehr Projekte, in denen Finanzdienstleistungen auf der Grundlage von Blockchain entwickelt wurden. Diese reichen von Peer-to-Peer-Zahlungssystemen bis hin zu Kreditplattformen. Dieser Sektor wird in der Regel als DeFi (decentralized finance) bezeichnet. Börsen spielen für Finanzmärkte eine wichtige Rolle. Daher überrascht es nicht, dass die Idee einer dezentralen Börse (DEX) als Alternative zur herkömmlichen zentral verwalteten Börse in der Kryptowelt entstanden ist.
2016 führte Vitalik Buterin, der Gründer von Ethereum, erstmals das Konzept eines automatisierten Market Maker (AMM) für die Organisation einer DEX ein. AMM stellt dem Markt Liquidität zur Verfügung, indem es Anreize für die Nutzer schafft, ihr Vermögen für die Schaffung von Liquidität bereitzustellen. Fehlende Liquidität wurde häufig als Herausforderung für DEX wahrgenommen. Der Marktpreis wird durch Anpassungsalgorithmen als Antwort auf Angebot und Nachfrage automatisch bestimmt. Seit diesem ersten Vorschlag wurden AMM häufig von DEX eingesetzt, ihre Anzahl ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen.
Ein AMM ist nicht die einzige Möglichkeit für die Organisation einer dezentralen Börse. In einer Reihe von Projekten wurde der herkömmliche Aufbau einer zentralen Börse auf der Grundlage eines Orderbuchs in gewissem Masse dezentraler gestaltet. Eine Möglichkeit für ein DEX besteht darin, alle Aufträge und Änderungen in der Blockchain auszuführen, eine weitere Möglichkeit ist es, das Orderbuch weiterhin zentral zu verwalten. Die Übernahme konventioneller zentraler Infrastruktur in DeFi hat jedoch ihre Grenzen und Herausforderungen, wobei fehlende Skalierbarkeit eines der grössten Probleme darstellt. AMM eignen sich wesentlich besser für eine dezentrale Infrastruktur, das erklärt auch ihre derzeit vorherrschende Stellung auf dem DEX-Markt.
Wie unterscheiden sich DEX von zentralen Börsen?
Die Hauptaufgabe einer Börse besteht darin, Käufer und Verkäufer von Währungen (oder anderen Vermögenswerten) zusammenzubringen, wobei das Gesetz von Angebot und Nachfrage den Preis bestimmt. Herkömmliche Börsen und die meisten Kryptobörsen sind bislang zentral organisiert. Das bedeutet, dass ein vertrauenswürdiger Intermediär Aufträge und Transaktionen an einer Börse verwaltet.
Ausserdem sind zentrale Börsen gleichzeitig Verwahrstellen: Um etwas kaufen oder verkaufen zu können, müssen die Nutzer ihre Vermögenswerte an die Börse übertragen und ihr die Kontrolle über die Vermögenswerte geben. Im Gegensatz dazu verfügen dezentrale Börsen über keine zentrale Instanz, und alle Transaktionen werden über selbstausführende Smart Contracts anhand einer Reihe von vorcodierten Regeln verwaltet. DEX übernehmen in der Regel keine Verwahrdienste, das bedeutet, dass die Kunden ihr Vermögen behalten, indem sie die Kontrolle über ihre privaten Schlüssel behalten.
Neben einem sehr geringen Kontrahentenrisiko (aufgrund einiger zentraler Elemente und fehlerhaften Gestaltung ist das Risiko nicht null, wie einige Hacks der jüngsten Vergangenheit zeigen) bieten DEX für gewöhnlich ein hohes Mass an Transparenz, da alle Transaktionen auf einer Blockchain aufgezeichnet und aufbewahrt werden. Gleichzeitig nutzen dezentrale Börsen typischerweise keine KYC (Know Your Customer) oder AML (Anti-Money Laundering)-Verfahren und die Nutzer können vollständig anonym bleiben. Dies könnte in der weiteren Entwicklung auch gewisse rechtliche Herausforderungen mit sich bringen.
DEX können mehr Vielfalt für den Handel mit Coins bieten. Zentrale Börsen wählen ihre gehandelten Vermögenswerte in der Regel auf der Grundlage ihrer Handelstätigkeit, Prävalenz und Sicherheitsstandards aus. Viele Altcoins, die insbesondere zu Beginn ihres Lebenszyklus einige der Anforderungen nicht erfüllen, können an DEX gehandelt werden, die genehmigungsfrei sind, und jeder kann Handelspaare bilden. Neben der grösseren Vielfalt können DEX oft günstigere Tarife und Gebühren anbieten, was teilweise auf die geringeren Kosten dank fehlender Zentralisierung zurückzuführen ist.
Während DEX der ersten Generation mit erheblichen Herausforderungen in Bezug auf Liquidität sowie Benutzererfahrung, Anwendung von AMM, ausgefeilten Anreizsystemen für Liquiditätsgeber und der allgemeinen Entwicklung der Technologie konfrontiert waren, konnten diese Probleme bei den aktuellen dezentralen Börsen praktisch beseitigt werden. Infolgedessen hat sich das Verhältnis des Handelsvolumens zwischen DEX und CEX im letzten Jahr deutlich erhöht und wird für Juli 2021 auf 10,08 % geschätzt. Trotz dieser Vorteile sind DEX nach wie vor mit einigen Herausforderungen konfrontiert, darunter regulatorische Unsicherheit und in einigen Fällen eine steile Lernkurve für Anleger, die Dienste zentraler Börsen oder herkömmlicher Finanzinstitute gewöhnt sind.
Die wichtigsten DEX
Im vergangenen Jahr haben DEX ein rasantes Wachstum erlebt. Das Handelsvolumen an den DEX ist von USD 1,87 Mrd. im Juni 2020 auf USD 87 Mrd. im gleichen Monat im Jahr 2021 gestiegen. Die Anzahl der Marktteilnehmer hat ebenfalls zugenommen, wobei einige wenige den Grossteil des Marktes ausmachen.
Einer der etabliertesten Akteure auf dem DEX-Markt ist Uniswap, eine auf AMM basierende Börse, die 2018 auf der Ethereum-Blockchain gestartet wurde. Es handelt sich hierbei um ein Open-Source-Projekt, bei dem Benutzer Token auflisten können und nur die entsprechenden Blockchain-Gebühren bezahlen. Liquidität wird von Liquiditätsgebern bereitgestellt, die mit Gebühren belohnt werden, die von den Nutzern für ihre Transaktionen mit Liquiditätspools bezahlt werden. Dieser finanzielle Anreiz ist erforderlich, um ausreichend Liquidität für die Märkte zu gewinnen, da Liquiditätsgeber keine Geld/Brief-Spanne erhalten können, was ein typischer Anreizmechanismus für Market Maker an zentralen Börsen ist.
2020 wurde SushiSwap als Fork von Uniswap entwickelt (dazu wurde der gesamte Originalcode von Uniswap kopiert und das native Token SUSHI eingeführt). Die Fork bietet zudem zusätzliche Funktionen wie das Yield Farming. Die Nutzer von SushiSwap können für die Bereitstellung von Liquidität für die Märkte als Belohnung SUSHI verdienen. Ihre Rendite können sie weiter steigern, indem sie Liquiditätstoken (SLP) in eine Ertragsfarm einzahlen, ihre SUSHI für zusätzliche Prämien staken oder sich an einem Kreditmarkt beteiligen, um Zinsen zu erhalten.
Ein weiteres grosses DEX-Projekt ist PancakeSwap, das vom Aufbau her Uniswap ähnelt, aber auf der Binance Smart Chain basiert und mit dessen BEP-20-Token kompatibel ist. PancakeSwap erhielt kürzlich einen dynamischen Konkurrenten – MDEX, ein Projekt, das auf der Huobi Eco-Chain und Ethereum aufbaute und im April 2021 auf die Binance Smart Chain expandierte. MDEX bietet einen «Dual-Mining-Mechanismus» für das Liquiditäts-Mining und das Handels-Mining und konkurriert mit PancakeSwap um das Handelsvolumen.
Governance-Token von DEX-Protokollen
Um ausreichend Liquidität für den Markt zu gewinnen, müssen dezentrale Börsen Anreize für die Nutzer schaffen, ihre Vermögenswerte in Liquiditätspools einzubringen. Viele Plattformen haben kreative Lösungen entwickelt, um Liquiditätsgeber und Händler auf DEX zu belohnen. Eine davon ist die Einführung eigener Token. Die Token können verwendet werden, um Auszahlungen unter den Teilnehmern zu verteilen, und selbst als Mittel der Belohnung eingesetzt werden.
DEX-Token sind häufig an Governance-Funktionen gekoppelt. Wie jedes dezentrale Projekt muss eine DEX ein Möglichkeit finden, sich im Interesse seiner Community weiterzuentwickeln. In diesem Fall werden native Token verwendet, um Governance-Funktionen für Inhaber zu ermöglichen, wie z. B. die Abstimmung über Protokollparameter.
2020 führte Uniswap sein Token UNI ein, das bei der Gründung unter Community-Mitgliedern, Investoren und Mitarbeitern verteilt wurde. Die UNI ermöglichen es den Inhabern, Vorschläge einzureichen und über Vorschläge abzustimmen. Projekte wie Sushiswap und Pancakeswap haben ebenfalls ihre nativen Token, nämlich SUSHI und CAKE. Diese Coins können auch gestakt und im Yield Farming für zusätzliche Belohnungen eingesetzt werden.
Neueste Entwicklungen
Dezentrale Börsen stellen einen relativ neuen Bereich in der DeFi mit einer beeindruckenden Wachstums- und Innovationsrate dar. Im Mai 2021 führte Uniswap seine neue Version Uniswap 3.0 mit einigen Änderungen ein, um die Attraktivität für Liquiditätsgeber zu verbessern und die Kapitaleffizienz zu verbessern. Uniswap 3.0 ermöglicht sogenannte konzentrierte Liquiditätspositionen, die durch NFT abgebildet werden. Konzentrierte Liquidität ermöglicht es Liquiditätsgebern, die Preisspanne zu wählen, bei der sie bereit sind, Liquidität bereitzustellen, wodurch sie mehr Flexibilität bei der Höhe des eingesetzten Kapitals und den entsprechenden Risiken erhalten. Mit Uniswap 3.0 werden ausserdem mehrere Gebührenstufen eingeführt, die Liquiditätsgebern mehr Spielraum für die Optimierung ihrer Renditen geben.
Eine weitere interessante Entwicklung auf dem Markt sind Layer 2 DEX. Layer 2 bezieht sich in der Blockchain auf ein Netzwerk, das auf einer Basiskette (wie Ethereum) betrieben wird und einen Teil der Transaktionen unabhängig durchführen kann, während gleichzeitig Vertrauensgarantien und die Sicherheit der Basiskette geerbt werden. Die Layer-2-Technologie ermöglicht bessere Skalierungsmöglichkeiten und schnellere Transaktionen, was im Kontext von DEX Finanzinstrumente mit höherer Komplexität und niedrigeren Transaktionskosten ermöglichen kann. Zu den vielversprechendsten Layer-2-Lösungen für DEX gehören Arbitrum und Optimism für Ethereum. Darüber hinaus hat das Polkadot-Projekt ein Testnet für seine Layer 2 DEX – Polkadex – gestartet, einer auf dem Orderbuch basierenden Börse.
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